Medientagebuch von Philippe Bischof, Leiter Abteilung Kultur Basel-Stadt

Philippe Bischof„In web we are“: mit diesem Titel habe ich vor kurzem einen Artikel überschrieben zum Thema Kultur und Digitalisierung, der im Oktober-DU-Heft abgedruckt wird. Dieser Titel, in die Ich-Form gesetzt, beschreibt auch meinen Umgang mit jenen digitalen Medien, die uns zur Verfügung stehen. Ich nutze sie beinahe uneingeschränkt, im Durchschnitt schätzungsweise während 18 Stunden täglich. Ich besitze ein iPhone mit vollständigem Zugang zu privatem und beruflichem Mailaccount, ich besitze ein Macbook und natürlich einen Computer im Büro – und nutze insbesondere das Mailsystem, das Web und dort als social medium facebook, ich bin ein grosser Freund von youtube, vor allem zu Recherchezwecken, und  ich habe mindestens 100 newsletters abonniert. Zwei Ziele verfolge ich bei einer grossen Mehrheit meiner Web-Aktivitäten: Information und Kommunikation. Ich spiele nicht, ich skype nicht, ich blogge nicht, ich lese keine e-books, ich höre kaum Radio, ich habe keinen Fernseher, keinen dvd-Player.
Mein erster Gebrauch des Internet beginnt mit dem Morgenkaffee, wenn ich sämtliche Zeitungen und Zeitschriften online durchblättere, die mir relevant scheinen – sieben davon habe ich digital und gedruckt abonniert, die andern lese ich, soweit die Artikel freigestellt sind. Nach circa dreissig Minuten habe ich eine Rundschau durch die aktuelle Tagespresse gemacht, gefrühstückt und mir zahlreiche Artikel gespeichert. Später am Tag lese ich die Zeitungen, mit denen ich durch meine berufliche Tätigkeit am direktsten  zu tun habe, auch noch auszugsweise in der Druckausgabe: NZZ, BaZ, Basellandschaftliche Zeitung. Tagsüber, sofern es die Arbeit zulässt, meist mittags und am frühen Abend, schau ich auf einigen websites nach Tagesaktualitäten. So ist im Laufe der letzten 10 Jahre ein Archiv zusammen gekommen mit mehreren Tausend Artikeln und Interviews zu bestimmten Themen: eine eigentliche Bibliothek auf meinem Laufwerk.
Manchmal nutze ich die websites der Fernsehsender, um die Zusammenfassung von aktuellen Anlässen aus Politik und Sport zu sehen, die ich live verpasst habe.
Der Genuss, eine frischgedruckte Zeitung in der  Hand zu halten, oder ein Qualitätsmagazin, ist durch das Web in keiner Weise ersetzt worden. Er beschränkt sich aber bei mir vorwiegend auf das Wochenende und noch mehr auf Reise- oder Ferienzeiten. In aller Regel beziehe ich alle Informationen, die ich brauche, aus dem Netz, berufliche wie private.
Ich schätze am Web die breite, beinahe grenzenlose und zeitgleiche Möglichkeit, jenes Wissen zu erlangen, das ich gerade suche, in zahlreichen Sprachen und Qualitäten.
In meiner Arbeit profitiere ich sehr von den Möglichkeiten, welche die Neuen Medien bieten: Vernetzung im wahrsten Sinne prägt meine Tätigkeit, national wie international. Die Geschwindigkeit möglicher Kommunikation ist zwar auch eine Plage, weil ich deutlich wahrnehme, wie hoch der durchschnittliche Erwartungsdruck ist von Sendern einer Nachricht, einer Anfrage oder eines Auftrags, dass umgehend darauf reagiert wird. Sich diesem zu entziehen und den möglichst eigenen Rhythmus zu wählen, scheint mir die entscheidende Fähigkeit, um sich im Netz nicht zu verfangen. Das Web ist eine  grosse Gefahr für den eigenen unabhängigen Rhythmus, wenn es einem nicht gelingt, das Web ist in meiner Tätigkeit eine unverzichtbares Arbeitsinstrument und entspricht meiner Neugierde, permanent Dinge wissen zu wollen, mit denen ich mich befasse; ich schätze die „Kollateralschäden“ des googlen, wenn ich ungeplant auf interessante Seiten gerate; ich bilde mich in dieser Form auch dauernd weiter, stosse bewusst oder zufällig auf Vorträge, Artikel, Interviews, die ich nach Möglichkeit lese. Qualitativ mache ich inzwischen (nach langen Jahren des Widerstands dagegen) keine Unterschiede mehr zwischen Wissen aus Büchern, die ich in Buchhandlungen oder Bibliotheken erhalte, und Texten, die ich aus dem Netz ziehe – sofern die Autorschaft zuverlässig ist und die Quellen eindeutig.
Es gibt auch Schattenseiten der hohen Webaktivität, die ich tätige: Wie viele Menschen lese ich deutlich weniger Bücher als früher (in der Vorzeit des Internet). Eigentlich nur noch in den Ferien. Ferien zu machen bedeutet daher für mich, möglichst webfreie Zeit zu haben; keine Mails, kein Internet – je nach beruflicher Situation höchstens ein gelegentliches Prüfen, ob alles seinen gewohnten Gang geht. Dafür Bücher und Zeitungen, so intensiv wie möglich. Das Erlebnis, einen guten Roman zu lesen, ist dann jedesmal ein Ereignis, das jeden Netzausflug ins Lächerliche zieht und hinterlässt tiefste Wirkung als Ganzkörper- und Sinneserlebenis, das ich im Web nie habe.
„In web we are“, ja  – aber in real we are better, trotzdem.
 
Philippe Bischof, Leiter Abteilung Kultur Basel-Stadt
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Ein Kommentar zu Medientagebuch von Philippe Bischof, Leiter Abteilung Kultur Basel-Stadt

  1. Milo Rau sagt:

    Das ist der klarste und weiseste Text zu diesem Thema, den ich je gelesen habe (und dass ich ihn gelesen habe: auch dies ein Kollateralschaden beim Googeln – quod erat demonstrandum…) Und genau: ein grosser, realistischer Roman in den Ferien, und die Seele ist wieder gewaschen (und alles andere ins Lächerliche gezogen).

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