Medientagebuch von Matthias Burki, Verleger (Der gesunde Menschenversand) und Schreiber in Luzern

Matthias Burki

Matthias Burki

Mein Medientagebuch in zwei Varianten zur freien Auswahl – downloadbar für die verschiedenen I-Applikationen, auch erhältlich als Podcast, Twitter- oder Facebook-Serie, Hörbuch, Book-on-demand und mehr:

1. Für Utopisten
Die Zeit am Morgen ist knapp, darum das «Regionaljournal» oder die «Mattinata» gleich unter der Dusche, dann die «NZZ», die «Zeit» und Radio BBC 1 für die nationalen und internationalen News am Frühstückstisch. Im Büro eine erste Durchsicht der Webseiten und Blogs, vom «Spiegel» über die «Financial Times» bis zum «Buchreport», aktualitätsbedingt viel zum Arabischen Frühling und zur Euro-Krise. In den Pausen, während sich die Bürokollegen am Töggelitisch vergnügen, reicht es meist für ein paar Seiten «Le Monde Diplomatique». Zum Pflichtprogramm gehören im Laufe des Tages auch «DRS2aktuell», das «Echo der Zeit», der «Tages-Anzeiger», und die weiteren Schweizer Tageszeitungen müssen auf ihren Inland-, Ausland-, Kultur-, Wissens-, Gesellschafts- und Wirtschaftsteil verglichen werden. Abends wartet der Stapel an linken, halblinken, liberalen, halbliberalen Wochen- und Monatszeitungen. Zum Einschlafen haben sich die «Tierwelt» und die «Weltwoche» bewährt.

2. Für Realisten
Wie viele andere rege ich mich immer wieder über die schwindende Qualität der Schweizer Presse auf und lege wie viele andere trotzdem ein notorisch paradoxes Verhalten an den Tag: Reflexartig greife ich nach jedem Gratisblatt, das mir in der Öffentlichkeit aufgezwungen wird, ich lese tatsächlich darin, löse Sudoku und Kreuzworträtsel und trage so zum Fortbestehen dieser medialen Fussableger bei. Ich mühe mich ab mit langen Artikeln in der«NZZ» oder wo auch immer und ertappe mich dabei, nach einigen Zeilen abzuschweifen, einzuschlafen oder den Töggelikasten vorzuziehen. Das Facebook scheint mir – öfter als sozial und persönlich gewünscht – bequemer zu sein als all die bewusstseinserweiternden Podcasts, Hintergrundberichte, Dokumentarfilme, Recherchemagazine und Radiosendungen, und so liegt mir das Frühstücksei oder die Darmgrippe meiner Freunde mindestens so nahe wie das unruhige Treiben auf dem Tahrir- oder Paradeplatz. Und wenn ich in den wenigen noch schätzenswerten Medien die immergleiche Leier von «Die-Welt-ist-schlecht-Blocher-ist-böse-die-Revolution-ist-möglich» lese, frage ich mich, ob ich nicht doch Anhänger der Philosophie des «Weniger ist mehr» werden sollte; mich ausklinken, ausloggen, wegdenken sollte. Und damit eine heutzutage unterschätzte Kulturtechnik anwenden, die jetzt auch diesem Text zugute kom

Matthias Burki, Verleger (Der gesunde Menschenversand) und Schreiber in Luzern; Gewinner des Kunst- und Kulturpreises 2011 der Stadt Luzern

 

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