Medientagebuch von Adrian Müller, Kapuziner und Journalist

Adrian Müller

Adrian Müller

Um viertel vor sechs morgens fängt das Gehetze an. Und es ist für einen Siebenschläfer dramatisch. Der Radiowecker geht punkt 5:45 Uhr an. Wenn ich schnell bin, dann reicht es noch kurz für einen Kaffee, ansonsten werde ich um sechs Uhr mit nüchternem Magen im Chor des Kapuzinerklosters auf dem Wesemlin stehen. Als Guardian (Klostervorsteher) habe ich nach dem Schlagen der Uhr die Meditationszeit mit einem Wechselgebet zu beginnen. Zum Glück wurden das Medium „Buch“ und der Buchdruck erfunden – ich würde in dieser Zeit selber noch nichts Schlaues vorbeten können, da bin ich noch in anderen Welten zu Hause. Nach vier Minuten einbeten setzen sich die rund dreissig Kapuzinerbrüder zur Meditation – und mein Tag kann langsam anrollen. Ich komme an, bei mir und in der Gegenwart Gottes.

Später sprechen und singen wir in der Gemeinschaft das Morgengebet. Das Christentum ist eine Medien-, eine Buchreligion. Liturgie und Theologie wird medial v.a. mittels Bücher geprägt, manchmal sorgen CDs für die musikalische Vertiefung im Gottesdienst. Gut, vorzustellen ist natürlich, dass wir eines Tages mit eReader beten werden. Da fehlen jedoch noch die entsprechenden Ebooks und Einrichtungen. Nach dem Frühstück geht es aufs Zimmer und ein erster Knopfdruck startet den Computer. Mit den Emails prasseln unterschiedlichste Medienmeldungen von Presseagenturen und Co. in den Laptop. Die Welt erwacht.

Zwei Medien prägen meinen Alltag: Handy und Computer. Ok, es gäbe auch noch einen Festnetzanschluss auf dem Pult. Das Telefon hasse ich jedoch. Da wird mir von Aussen zeitlich vorgegeben, wann ich mich mit einem Menschen und einem Thema auseinandersetzen soll. Das mag ich nicht. Darum sind meine Telefonate sehr wortkarg und kurz, und sie enden meistens mit der Aufforderung, mir doch eine Email oder eine sms zu senden. Ich selber kommuniziere am liebsten via Email. Vor allem wenn ich Menschen zum Gespräch habe oder einen Artikel schreibe, brauche ich Ruhe und Konzentration. Dann ist meine interne Festplatte belegt. Multitasking ist nicht meine Sache – auch raten die meisten spirituellen Meister immer nur eine Sache zu tun, diese aber richtig. Das entspricht meinem Naturell.

Beim Handy nutze ich medial nur eine Funktion: sms; ansonsten brauche ich es noch als Agenda und Adresskartei – wobei die Eingaben stets über den Computer laufen. Oft höre ich den Vorwurf, dass ich altmodisch sei, wenn ich beispielsweise mit dem Handy die Emailfunktionen nicht nutze und mir auch kein teures gekauft habe. Nun, das hat für mich nichts mit Mode zu tun, sondern mit der Entschleunigung meines Alltags. Bin ich offen für die Welt, dann läuft der Computer. Wenn nicht, dann ruht er.

Zugreisen brauche ich zum Lesen oder – wenn ich müde bin – zum Hören von Podcasts. Und dann ist der Handyton abgestellt. Reisen hat für mich mit der Freiheit zu tun, nicht erreichbar zu sein – zum Glück darf ich oft von Luzern nach Fribourg, Bern, Zürich, Olten auf Recherchen oder an Sitzungen gehen! Ok, bei der Ankunft oder beim Umsteigen lese ich oft die sms oder sehe, wer versucht hat zu telefonieren. Antworten kommen dann meistens später, wenn der Computer das Tor zur Welt wieder geöffnet hat.

Kommunikation und Information prägen mein Leben als Guardian eines Kapuzinerklosters, wie auch als Journalist. Der Vorteil der von mir benutzten Medienformen liegt in der Freiheit meiner Bearbeitung und Beantwortung. Und da kenne ich ein gutes Regulierungsprinzip: Zuerst bearbeite ich die grossen Blöcke, und erst dann, zwischendurch, die kleinen Steine oder den Sand. Es ist dies mein Mittel, mich nicht in Begegnungen und Informationen zu verlieren.

Wenn ich einen Freund oder eine Freundin treffe, dann lasse ich den Computer zu Hause und das Handy ohne Ton. Dann bin ich da für die zwischenmenschliche Begegnung bereit, hier und jetzt, und nicht noch anderswo. Solche Situationen geniesse ich am liebsten in der Natur oder im Kino – und dann ist neben dem Computer auch das Handy abgestellt. Und wehe, der oder die Andere zückt in solchen Momenten das Handy, …, dann übe ich mich in christlicher Nächstenliebe.

Adrian Müller, Kapuziner und Journalist, www.adrianm.ch.

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