Medientagebuch von Adrian Zurfluh, Informationsbeauftragter des Kantons Uri

Adrian Zurfluh

Adrian Zurfluh

Aufwachen zum Regionaljournal Zentralschweiz: Dadurch ist meine biologische Aufstehzeit auf 6:37 definiert, oder auf 7:37, je nach vorhergegangenem Feierabend. Ausnahmen sind geschäftliche Morgentermine. Da können schon mal die Sechsuhrnachrichten den Startschuss in den Tag geben.

Die Neue Urner Zeitung – nur der Urner Teil – ist im Nu quergelesen. Was haben sie aus den Medientexten gemacht, die der Informationsdienst des Kantons gestern veröffentlicht hat? Richtig gewichtet? Mit einem Kommentar eingeordnet? Zweimal in der Woche kommt das Urner Wochenblatt. Blättern, Bildchen anschauen, Texte querlesen. Das war’s. Der Reiz des Zeitunglesens ist mir damals als Redaktor abhandengekommen.

Der Arbeitstag beginnt mit einer Fülle von elektronischer Post. Um 9 Uhr schiebt Swissdox per Mail die Resultate der Medienbeobachtung rüber. „Sawiris AND Andermatt“, „Uri, Urnerin, Urner, Gotthard, Neat“ heissen die Beobachtungsaufträge, die dort hinterlegt sind. Als Streuverluste erfahre ich da auch immer wieder, wo der Fussballtrainer Andermatt gerade seine Brötchen verdient, oder wo Ex-Gotthard-Frontmann Steve Lee jetzt herumspukt. Swissdox lehrt einen: Tagi und Bund sind der gleiche Saft in verschiedenen Schläuchen. SDA-Meldungen lassen sich beliebig kürzen und Titel machen wirklich den halben Artikel aus.

Zwischendurch kommt ein Google-Alert, doch für den Rest des Tages wird gesendet. 290 Medienschaffende sind beim Kanton Uri als „Rathauspresse“ akkreditiert. Dazu über 1000 Private und zahlreiche Unternehmen, die die Medientexte parallel zu den Medienschaffenden als Newsletter erhalten. Seit die Medieninhalte direkt zu den Leserinnen und Lesern geliefert werden, erhielt ich des Öftern Rückmeldungen von erstaunten Leuten, was die Medien aus „unseren“ Texten gemacht haben. Alle Meldungen, die das Urner Rathaus verlassen, werden automatisiert auf die Facebook-Seite des Kantons Uri und auf den Twitteraccount „infokantonuri“ gespeist.

Zug- und Busfahren sind meine Medienzeit. Gratiszeitungen – hoffentlich wird das Papier auch rezykliert; es wäre doch jammerschade, wenn ein Baum zu nichts nützer wäre. Immer wieder Teletext online. Twitterblogs – rein zum Zeitvertreib. Mein Suchauftrag „Bob Dylan“ ergibt Resultate im Minuten- in guten Zeiten gar im Sekundentakt. „All I can be is myself, whoever this may be“ gehört zu meinen Lieblingszitaten des Barden, dem schon längst der Literatur-Nobelpreis gehörte. Twitter ist geschwätzig und nicht vertrauenswürdig. Doch wer mit Twitter die Revolution in Ägypten verfolgte, der fühlte sich schon fast live dabei im Geschichtsbuch. Und doch: wer nach Breaking news sucht, macht bei Twitter die schnellste Beute.

Ab und zu pusht das elektronische Hirn Neues von der New York Times, eine Facebook-Neuigkeit oder neue „Freunde“. Facebook ist sozialer als alle anderen Medien. Was so ein „Freundeskreis“ von über 500 Personen online stellt, ist manchmal fast erschreckend – aber stets Stoff für Smalltalk. In Uri, wo man sich noch kennt, ist Facebook ein beliebtes Mittel, um eigene Veranstaltungen zu bewerben und andere auf anstehende Anlässe aufmerksam zu machen. Auch als Kontaktmittel zu vor allem jungen Mitbürgerinnen und Mitbürgern eignet sich Facebook gerade für politisch tätige Menschen durchaus. Auch wenn nicht jede Diskussion die kritische Masse des Gehaltvollen erreicht. Soviel zu Facebook. Netlog ist für jüngere Hasen als den Schreibenden.

Der kleine Blog auf www.zurfluh.org ist für mich ein weiteres Mosaik-Steinchen im persönlichen Medienumfeld. Darauf verknüpfe ich Porträt, Hobbys und publiziere Beiträge. Der Blog ist auch ein willkommenes Gefäss für Rückmeldungen im gerade angelaufenen Wahlkampf.

Fernsehen ist in unserem Haus ein Unterhaltungsmedium. Newssendungen konsumiere ich oft zeitversetzt mit Ohrstöpsel vor dem Hintergrund einer Kinder- oder Seriensendung. Und das auch meist nur wenn ich weiss, dass ein Medienbeitrag über Uri auf dem Programm steht. Gleiches gilt für Radiosendungen. So gern ich das Regionaljournal, Nachrichten im Lokalradio oder das „Echo der Zeit“ höre, so oft fallen diese Sendungen in meine schöpferischste Tageszeit – „Prime time“ eben …

Am Sonntag ist dann alles anders: Sommers wird auf „Central“ stündlich über den Zwischenstand an den Schwingfesten berichtet. Ein Segen, gerade für einen, der nicht mehr jeden Sonntag von Schwingfest zu Schwingfest zigeunert wie ehedem. Einschaltung verpasst? Onlinedienste bedienen einen zuverlässig mit allen Zwischenranglisten. Rücksichtsvoll benutzt, ermöglicht das kleine Gerätlein tolle Familientage mit nur kurzen Online-Phasen. Was für den Raucher das Nikotinpflaster ist das kleine Gerätlein eben für den News-Junkie …

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